30 Jahre Mauerfall – der Weg in die Freiheit?

09. November 2019 | Gundula Schielicke

Ganz einfach: Die äußere Mauer ist weg. Dafür sind die inneren Mauern um so dicker.

In 30 Jahren sind sie auch noch dicker geworden. Die Angst ist größer geworden. Die geistige Abwesenheit und Verwirrtheit ebenso. Familiäre Strukturen halten nicht mehr. Nicht ausreichend. Alle unsere Strukturen halten uns nicht. Sie haben es noch nie getan. Jetzt wird es uns nur bewusst. Einigen zumindest. Mit unseren Strukturen gängeln wir einander. Kontrollieren wir einander. Unser Zusammenleben widerspiegelt unseren Entwicklungsstand. Ob wir es nun Kapitalismus oder Sozialismus nennen.

Wir sind gefangen in engem Denken und engem Fühlen. Wir sind nicht frei. Wir sind in uns selbst gefangen. Genauer gesagt: in unseren reflexgesteuerten Reaktionen. Wir begrenzen uns selbst, wo wir nur können. Diese Begrenzungen sind nicht gottgegeben. Wir erlegen sie uns selbst auf und nehmen uns so die Freude am Leben. Wir sind im Laufe der Menschheitsentwicklung schon ein Stück weiter gekommen. Ja. Aber noch nicht weit genug. Und gerade sind wir dabei, wieder etliche Schritte rückwärts zu gehen. Rückschritte gehören zur Entwicklung dazu. Wenn wir etwas noch nicht gelernt haben, bekommen wir so die Gelegenheit, es noch einmal zu lernen. Solange, bis wir es gelernt haben.

Wir sind noch lange nicht da, wo wir hin wollen. Die, die dahin wollen. In ein Leben in Freiheit. In wirklicher Freiheit. Die uns nicht in den Schoß fällt. Die wir aber auch nicht erkämpfen können. Kampf ist eine Stressreaktion. Es reicht auch nicht, von einem Land ins andere zu flüchten. Wir haben unsere DDR-Probleme nur gegen andere ausgetauscht. Auch Flucht ist eine Stressreaktion. Damit ändern wir gar nichts. Höchstens äußerlich. Der Kampf bleibt, weil die Angst bleibt, das Erreichte wieder zu verlieren. Was auch immer wieder geschieht. Weil es eben nur erkämpft wurde. Gegen den Widerstand anderer.

Wir Menschen sind nicht sozial. Deshalb konnte sich der Sozialismus nicht halten und konnte auch nur in Ansätzen aufgebaut werden. Deshalb wollten wir den Kapitalismus wiederhaben. Der Kapitalismus widerspiegelt den Zustand unseres Menschseins. Aber: So, wie es im Sozialismus gute und schlechte Dinge gab, so gibt es beides auch jetzt. Aber das können wir so nicht sehen. Der Sozialismus muss verdammt werden. Im Sozialismus war alles schlecht. Punkt. Wehe dem, der etwas anderes sagt.

Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden. Das ist systemunabhängig. Das System Mensch hat es noch nicht begriffen.

Gerade in diesen Tagen wird die friedliche Revolution hoch gelobt. Schon mal darüber nachgedacht, warum wir in der DDR nicht aufs Messer gegeneinander kämpfen mussten?

Der Mauerfall war der Weg in die Arbeitslosigkeit, in die Existenzunsicherheit, in den täglichen Kampf gegeneinander. Wir können uns weiter beweihräuchern, wir können aber auch klar sehen, wo wir gelandet sind. Wir haben auch im Sozialismus gegeneinander gekämpft, aber nicht stets und ständig. Das sollten wir begreifen: es gab im Sozialismus zum Teil ein gleiches Verhalten wie jetzt auch. Auf dieser Grundlage haben wir uns vereint. Auf der Grundlage des Kampfes. Es gab aber auch einen etwas anderen Umgang miteinander. Einen wärmeren, unterstützenden. Der ist verlorengegangen. Heutzutage kämpft jeder gegen jeden, fühlt sich jeder von jedem bedroht. Und bedrohen wir tatsächlich einander wieder immer mehr.

Wir sind nicht frei. Wir können es nicht sein. Es fehlt uns an Vertrauen. Wie in jenem Blogartikel bereits dargelegt. Wo soll es auch herkommen? Wir halten einander nicht. Selten. Nur oberflächlich. Wir verstehen einander nicht. Wir verstehen uns selbst nicht.

Entwicklung heißt das Zauberwort. Wir müssen uns die Freiheit erarbeiten. Das ist so, ob uns das gefällt oder nicht. Wenn wir innerlich frei geworden sind von allen Zwängen, Verboten und Geboten, können wir auch freiheitliche äußere Strukturen einrichten. Können wir frei miteinander leben.

Das Grundprinzip eines gesunden Zusammenlebens ist für mich – wie für andere vor mir und mit mir – dieses: Ich lebe meine Bedürfnisse und lasse die anderen Menschen ihre Bedürfnisse leben. Leben und Leben lassen. Das ist Freiheit. Die einzige Einschränkung ist, dass wir mit unserem Verhalten weder uns selbst, noch anderen schaden. Psychisch gesunden Menschen kommt dieses allerdings gar nicht in den Sinn.

Ein wesentliches Problem sehe ich allerdings: Entwicklung ist nur möglich, wenn wir uns über unsere unterschiedlichen Meinungen in Ruhe austauschen. Dann können wir darüber nachdenken. Dann können wir sie auch ändern. Denn genau das müssen wir tun, wenn wir uns weiterentwickeln wollen. Unsere bisherige Meinung beschert uns ja unsere Probleme. Den Weg in die Freiheit kann nur jeder allein für sich beginnen, mit der Bereitschaft, anderen zuzuhören, was sie zu sagen haben und darüber nachzudenken.

Ich empfinde es als ein Geschenk, in der DDR ohne Existenzangst gelebt haben zu dürfen. Anderen ging es offensichtlich anders. Geschenke, für die wir nicht bereit sind, können wir nicht annehmen. Je dicker unsere inneren Mauern sind, desto weniger Geschenke können wir annehmen – und geben.

30 Jahre Mauerfall – es wäre jetzt an der Zeit, dass nach den äußeren Mauern nun auch unsere inneren Mauern fallen. Dass wir sie fallen lassen. Es entscheidet jeder für sich, ob er hart und verbittert oder verängstigt bleibt oder ob er sich dem Leben öffnet. Sich selbst öffnet. Sich den anderen öffnet. Ja, verletzbar wird. Und seine alten Verletzungen wieder fühlt. Damit sie gehen können. Aber bitte am Anfang nur mit Anleitung. Damit wir nicht erneut im Drama landen.

Lernen wir, Geschenke zu machen und anzunehmen.

© 2019 Gundula Schielicke, Stressbewältigungscoach, Lehrerin für die Transformation von Herz und Verstand, Autorin

Ich unterstütze mit meiner Arbeit Menschen, die in ihre eigene Kraft kommen möchten, um so ein erfülltes Leben im inneren Gleichgewicht führen zu können und die bereit sind, dafür in sich selbst etwas zu verändern. Ich freue mich darauf, dir mit Beratung, Coaching und meinem Onlinekurs NEUSTART dabei zu helfen. Oder auch mit meinem Buch. Innerer Frieden ermöglicht äußeren Frieden. Liebevolle Gefühle ermöglichen Frieden.

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